Nachdenkliches

Es wird kalt, wenn wir uns nicht umeinander bemühen

Wort zur Wochenwende – von Michael Gabel, Katholische Kirche Ichtershausen Arnstädter Allgemeine vom 4. November 2017

Ein Schwertstreich – und ein Menschenleben war gerettet und konnte neu aufblühen. Diese überraschende Wendung – ein Instrument des Todes wird zum Instrument des Lebens – steht im Zentrum der Erzählung vom Heiligen Martin von Tours, der im 4. Jahrhundert nach Christus lebte. Als römischer Offizier begegnete Martin vor den Toren der fränkischen Garnisonsstadt Amiens einem Bettler, der in großer Kälte zu erfrieren drohte. Mit dem Schwertstreich hieb Martin seinen wärmenden Offiziersmantel in zwei Teile, um den Bettler vor dem Kältetod zu retten. Diese Erzählung enthält verschiedene Perspektiven, die für religiöse wie nichtreligiöse Menschen zu allen Zeiten bis heute von großer Bedeutung sind. Die Perspektiven sind die Friedensfrage, die Frage nach dem menschlichen Zusammenhalt und die Frage nach Europa. Wenn das Schwert zur Lebenshilfe wird, ist es nicht nur Kriegswaffe. Aus Schwertern werden Pflugscharen. Eine Vision, die vor allem nach den verheerenden Weltkriegen und aktuell in den schweren Bürgerkriegen des Nahen und Mittleren Ostens unmittelbar einleuchtet. Martin war römischer Staatsbürger, der 25 Jahre Militärdienst leisten musste, obwohl er immer wieder um Entlassung gebeten hatte. Im Teilen des Mantels bekundet sich seine Gesinnung, wie Jesus vor Pilatus auf jede Gewalt zu verzichten. Unsere Erinnerung an Martin weist darauf hin, dass die Friedensvision nicht „leer“ sein kann. Sie braucht ein Ziel. Für Martin war dies der Gedanke, nicht Soldat eines Herrschers zu sein, sondern Soldat des gekreuzigten Königs, der für seine Feinde betet und eintritt. Nicht nur die Freunde lieben, sondern auch für die Feinde eintreten, das ist Antwort auf die Frage, was wert ist bewahrt zu werden. Die zweite Perspektive ist die soziale Verantwortung, die mit dem Symbol des geteilten Mantels Menschen unabhängig von ihrer Weltanschauung anzusprechen vermag. Es ist bewegend, wenn man mit Schulkindern darüber spricht, was den Mantel teilen in unserer Gesellschaft bedeuten kann. Es kann kalt werden in der Gesellschaft, wenn wir uns nicht umeinander bemühen. Vor allem ist diese Tat nicht selbstverständlich. Sie verweist auf kein mitgeliefertes Helfer-Gen, sondern auf eine Einstellung, die in Familien, aber auch in Kirchen und Kommunen, von Land und Leuten stets neu erworben werden muss. Die dritte Perspektive ist Europa. Diese Erzählung ist eine Ursprungserzählung, die das Potential zur Stiftung von Einheit hat. Martin von Tours, Ungar und Franzose in Italien, der in Deutschland verehrt wird, ein Heiliger, in dem sich die Katholiken und mit Martin Luther die Kinder der Reformation gemeinsam finden, zeichnet mit seiner Tat die Vision vor, wie Europa sein möchte und sein sollte. Ein Staatenbund, der von der Idee beseelt ist, jedem Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen und Respekt zu zollen.