Nachdenkliches

Meditation zum Hochfest der Erscheinung des Herrn (Heiligdreikönig)

(Von Michael Gabel, Katholische Kirche Ichtershausen)

Kinderaugen strahlen! Wie Sterne ziehen sie uns in ihren Bann. Mit am Schönsten ist das, was ich das „Kindel-gucken“ nenne, das Bestaunen eines winzigen Menschenwesen im Kinderwagen, dessen Augen vom Wunder des Lebens erzählen, das ihm widerfahren ist. Damit nicht genug. Beim Kindelgucken leuchten auch die Augen der Mutter, der Eltern auf. Kinderaugen verbinden.

Zu den ausgezeichneten Pressefotos des Managermagazins im Jahr 2017 gehört das Foto von Maha aus dem Irak, die mit ihrer Familie vor dem Islamischen Staat fliehen musste und in einem überfüllten Flüchtlingscamp lebt. Die Augen von Maha leuchten, aber matt und stumpf. Sie spiegeln die Schrecken, die ein kleines Kind schon in der kleinen Spanne eines Kinderlebens ertragen musste. Diesem Kind ist widerfahren, von dem viele von uns keine Ahnung haben. Zum Glück! Kinderaugen vermessen Gräben, die trennen. Und trotzdem! Auch die schreckerfüllten Augen haben nicht jeden Glanz verloren, sie sind kein leerer Spiegel. Noch in der Mattheit und Taubheit erschreckten Kinderblicks leuchtet wenigstens die Sehnsucht nach menschlicher Nähe, nach Liebe und Glück auf.

Wer Kinderaugen sucht muss sich auf etwas gefasst machen. Trotzdem suchen wir nach dem Glückskind. Um den Augenblick des Kindes zu erhaschen, müssen sich freilich selbst Große beugen. Heute feiert die Christenheit in Ost und West das Fest der Erscheinung des Herrn, im Volksmund Heiligdreikönig genannt. Weise Häupter, Monarchen aus aller Welt machen sich auf, dem himmlischen Kind zu begegnen, um vom Glanz der göttlichen Kindesaugen etwas abzubekommen. Was werden sie sehen, wenn sie das Kind finden und sich zu ihm herabbeugen. Kindesglück oder Kindesschrecken?

Wir selbst wollen mit Kindesschrecken nichts zu tun haben. Weihnachten und der Jahreswechsel sollen Fröhlichkeit künden. Ähnlich waren auch die biblischen drei Könige auf dem Weg zum Glückskind. Sie suchten es im Jerusalemer Königspalast. Sie suchten das Glück im Kleid prunkender Macht. Doch dort fanden sie kein Kind, sondern die Intrigen und Schrecken der Macht. Der Jerusalemer König Herodes fürchtete in diesem Kind den Konkurrenten und ließ, um ihn auszuschalten, gleich alle in Frage kommenden Kinder ermorden. Das Geschrei sterbender Kinder und ihrer hilflosen Mütter erfüllte die Straßen der Geburtsstadt Bethlehem. Und das Kind in der Krippe wurde wie Maha unmittelbar nach der Geburt ein Flüchtlingskind. Am Anfang seines Lebens und am Ende der Hinrichtung am Kreuz standen Schreie und gebrochene Blicke. Trotzdem fanden die drei Könige und finden wir mit ihnen im Blick dieses Kindes die ungebrochene Sehnsucht, dass das Erlebte nicht alles sein kann, was Menschen einander antun. In den geschundenen Augen schaut noch immer der Weltenschöpfer und gibt nicht auf. Noch immer leuchtet der Stern von Bethlehem, der von der Sehnsucht und dem Glück der Erlösung kündet. Maha soll die Hoffnung nicht aufgeben. Dafür können wir etwas tun.